«Wir könnten noch mutiger sein.»

Wie lassen sich Strassen nachhaltiger betreiben? Juliane Buchheister arbeitet beim ASTRA im Erhaltungsmanagement – einem Bereich, der immer wichtiger wird. Im Interview spricht sie über internationale Impulse und zeigt, wo Herausforderungen und Chancen der Dekarbonisierung liegen.

Liebe Juliane, du bist Bauingenieurin und arbeitest als Fachspezialistin Erhaltungsmanagement beim Bundesamt für Strassen (ASTRA). Wie würdest du deine Tätigkeit beschreiben?

Den Bereich Erhaltungsmanagement gibt es beim ASTRA erst seit ein paar Jahren. Ein Grossteil der Infrastruktur wurde in den 1970-er Jahren erstellt und erreicht nun ein Alter, in dem vermehrt Unterhalts- und Erneuerungsmassnahmen notwendig werden. Wir erarbeiten den übergeordneten, strategischen Rahmen für Sanierungen, die sogenannte Erhaltungsplanung und schreiben Richtlinien, die in den Projekten angewendet werden.

Kannst du uns ein konkretes Beispiel aus deiner aktuellen Tätigkeit geben?

Damit das ASTRA das Netto-Null-Ziel der Bundesverwaltung bis 2040 erreichen kann, haben wir zum Beispiel die Ökobilanz-Methode entwickelt. Sie zeigt, welchen Einfluss eine Infrastruktur auf die Umwelt hat – von Bau und Nutzung bis hin zu Rückbau und Entsorgung. Anhand dieser Methode werden planerische Entscheide zugunsten einer möglichst geringen Umweltbelastung getroffen.

Ein weiteres Beispiel betrifft das Trassee, konkret den Aufbau der Strasse. Aktuell untersuchen wir, wo und wie sich dort CO2 einsparen lässt. Im Fokus steht der Belag: Wir vergleichen u.a. neuartige Materialien und Recyclingmöglichkeiten. Daraus entsteht eine Dokumentation, die als Grundlage für Pilotversuche und kommende Erhaltungsprojekte dient.

Zur Dekarbonisierung tauscht du dich auch international aus und zwar als Mitglied des technischen Komitees «Decarbonization of Road Construction and Road Maintenance» beim Weltstrassenverband PIARC. Was nimmst du aus diesem Austausch mit und was bringst du ein?

Der internationale Austausch gibt wichtige Impulse für unsere eigene Weiterentwicklung. Ich schätze das interdisziplinäre Arbeiten und das offene und sachliche Diskutieren frei von politischen Einflüssen. Dank Praxisbeispielen aus anderen Ländern erhalte ich konkrete Ansätze und Ideen. In Österreich werden beispielsweise im Beschaffungsprozess Treibhausgasbilanzen bewertet. Solche Erfahrungen kann ich gut in unsere ASTRA-Arbeitsgruppe zur Nachhaltigkeit in Beschaffungen einbringen.

Gleichzeitig können wir auch viel einbringen. Beim ASTRA vereinen wir mehrere Rollen: Wir sind Besitzerin der Infrastruktur und zugleich für Bau, Betrieb und Unterhalt zuständig. Diese Gesamtsicht ist international interessant.

„Der internationale Austausch gibt wichtige Impulse für unsere eigene Weiterentwicklung.“

Wie steht die Schweiz aus deiner Sicht im internationalen Vergleich da, wenn es um die Dekarbonisierung der Infrastruktur geht?

Wir haben seit über 20 Jahren Erfahrung mit Recyclingasphalt und sparen da im internationalen Vergleich Treibhausgasemissionen ein. Mit dem Klima- und Innovationsgesetz können wir zudem weitere Projekte vorantreiben.

Wo siehst du die grössten Herausforderungen und Chancen für unsere Infrastruktur in der Zukunft?

Eine zentrale Herausforderung liegt darin, langfristiger zu denken. Aus meiner Sicht könnte es sinnvoll sein, Investitionen mehr abzuwägen: Wo lohnt es sich, heute mehr zu investieren, um später Ressourcen zu sparen und Baustellen zu reduzieren.

Gleichzeitig braucht es aus meiner Sicht mehr Mut und klarere Rahmenbedingungen für alle Beteiligten. Als Bund haben wir eine Vorbildfunktion. Um diese wahrnehmen zu können ist es wichtig, dass wir alle – Planer, Unternehmer und Bauherrinnen – zusammen daran arbeiten, die Klimaziele der Schweiz zu erreichen.

Vielen Dank, Juliane, für die spannenden Einblicke in deine Tätigkeiten und in die wachsende Bedeutung des Erhaltungsmanagements.

 

Im Weltstrassenverband PIARC sind weltweit 128 Regierungen Mitglied, ausserdem existieren gegenwärtig in 51 Staaten Nationalkomitees. Auch das ASTRA ist Teil von PIARC. Ein zentrales Arbeitsinstrument von PIARC sind die rund 20 technischen Komitees. Mitarbeitende des ASTRA beteiligen sich aktiv in mehreren dieser Komitees, unter anderem zu den Themen Verkehrssicherheit, Winterdienst, Erhaltungsmanagement, Brücken und Dekarbonisierung. Dadurch bringt die Schweiz ihre Erfahrungen in die internationale Zusammenarbeit ein, erarbeitet Berichte und Empfehlungen und profitiert vom Austausch mit anderen Nationen.

 

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