Gotthard: Der Berg macht den Bau der zweiten Röhre zur Herausforderung

Schon kurz nach Baubeginn der zweiten Gotthardröhre zeigte sich auf der Südseite, dass die Verhältnisse deutlich schwieriger sind als erwartet. Das Vorgehen musste deshalb rasch angepasst werden: Anstelle der Tunnelbohrmaschine kam Sprengstoff zum Einsatz und es wurde im Gegenvortrieb gearbeitet. Dieser Beitrag bietet Einblicke in die anspruchsvolle Baustelle.

Am 17. März 2025 wurde auf der Südseite des Gotthards der Ausbruch der zweiten Röhre mit einer Tunnelbohrmaschine von 12,5 Metern Durchmesser in Angriff genommen. Doch schon nach wenigen Metern ereignete sich ein erster grösserer geologischer Vorfall: Rund 280 Kubikmeter Gestein lösten sich aus dem Berg.

Die Tunnelbohrmaschine wurde daraufhin kontrolliert angehalten und es wurden umgehend Sicherungs- und Stabilisierungsmassnahmen eingeleitet. Ziel war es, eine sichere Fortsetzung des Ausbruchs zu ermöglichen.

Doch der Berg machte den Beteiligten weiter zu schaffen. Nach der Wiederaufnahme der Arbeiten wurden erneut Anzeichen von Instabilität festgestellt. In der Nacht auf den 19. Juni kam es trotz der bereits getroffenen Sicherungsmassnahmen zu einem zweiten Gesteinsabbruch.

Die Arbeiten mussten abermals unterbrochen werden. Nun war klar, dass es für den besonders heiklen Abschnitt «Nelva» einen neuen Ansatz brauchte. Die Prioritäten lagen auf der Hand: Es galt, die Sicherheit der Mitarbeitenden zu gewährleisten und gleichzeitig die Tunnelbohrmaschine und die bereits ausgebrochenen Abschnitte zu sichern.

Innerhalb kurzer Zeit wurden vier verschiedene Lösungsansätze geprüft. Nach einem Austausch mit den Planungsverantwortlichen, der Bauleitung, der Bauunternehmung sowie Fachspezialistinnen und Fachspezialisten entschied man sich für die Variante, die für die Durchquerung des instabilen Abschnitts die grösste Sicherheit versprach.

Gegenvortrieb in Richtung Tunnelbohrmaschine

Die gewählte Lösung bestand darin, im Sprengvortrieb einen neuen Verbindungsstollen auszubrechen, der an einen bereits bestehenden Zugangsstollen angebunden wurde. Dabei wurde im Gegenvortrieb gearbeitet, also gegen Süden und damit in Richtung der feststeckenden Tunnelbohrmaschine. Über diesen Tunnel konnte die Vorderseite der Maschine erreicht und mit Schaum sowie Gel gesichert werden. Dadurch konnte sie den brüchigen Abschnitt schliesslich passieren.

Die Arbeiten wurden trotz der weiterhin schwierigen geologischen Bedingungen fortgesetzt und verliefen insgesamt erwartungsgemäss. Der Bereich, in dem der Fels bröckelte, wurde zudem mit Zement verstärkt, um ihn zu stabilisieren und das Risiko weiterer Gesteinsabbrüche zu reduzieren.

Nach der heiklen Phase schreitet der Bau voran

Heute verlaufen die Arbeiten wieder nach Plan. Die heikelste Phase konnte dank gut abgestimmter Teamarbeit und der raschen Anpassung des Vorgehens an die tatsächlichen Verhältnisse im Berg bewältigt werden.

Die Erfahrungen aus dem Abschnitt «Nelva» zeigen, wie unberechenbar der Bau eines grossen Tunnels sein kann. Selbst bei sorgfältigen Untersuchungen und präzisen Prognosen ist es letztlich der Berg, der Meter für Meter die Arbeitsbedingungen bestimmt. Deshalb waren in diesem Fall die kontinuierliche Überwachung und die enge Zusammenarbeit aller Beteiligten entscheidend, um auf die unvorhergesehenen Ereignisse zu reagieren und die Arbeiten sicher fortzuführen.

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